© C. Ricker

„Zu fällen einen schönen Baum...

Sat, 17 Apr 2021 09:07:57 +0000 von Christoph Ricker

...braucht's eine halbe Stunde kaum. Zu wachsen, bis man ihn bewundert, braucht er, bedenk' es, ein Jahrhundert.“ (Eugen Roth)
Dass das keine Freude macht, unsere „Lieblings-Linde“ an der Kirche zu fällen, war klar. Auch dass es kritische Rückfragen gibt: „Musste das sein?“
Die Antwort ist: Wäre die Linde abseits gestanden, hätte man sie noch einige Jahre wachsen lassen können. Aber sie stand nahe am Kirchengebäude, an einem viel benutzen Weg. Ein Baumsachverständiger diagnostizierte hohle Stellen. Auch im Wurzelbereich war der Stamm nicht mehr kerngesund.
Musste das sein?
Wäre ein Ast herausgebrochen und hätte einen Menschen verletzt, wäre die Antwort eindeutig geworden. So bleibt es eine Ermessensentscheidung. Uns Verantwortlichen blutet dafür das Herz.
Im letzten Jahr habe ich nach jeder Taufe mit beteiligten Kindern das Taufwasser an den Baum gegossen. Es hat die Linde aber nicht mehr gesund gemacht.
Einen Teil des mächtigen Stammes haben wir nun auf dem Kirchengelände stehen lassen. Es soll als Altar in diesem Sommer bei unseren Draußen-Gottesdiensten dienen. Auf diese Weise wollen wir für die gewiss mehr als hundert Sommer und Winter danken, in denen dieser Baum Zeit bekommen hatte, zu wachsen. 
Auch Bäume sind wie wir Geschöpfe Gottes.
An drei Stellen auf dem Kirchengelände haben wir mächtige Aststücke liegen gelassen. Sie laden ein, sich darauf zu setzen.
Es hat zwar länger gedauert als eine halbe Stunde, die Linde zu fällen - nämlich einen ganzen Arbeitstag. Aber wir wollen dennoch nicht so tun, als würden wir die Linde nicht vermissen.
Daher ist jetzt schon klar: Im Herbst pflanzen wir einen neuen Baum.
Quelle: Christoph Ricker / Martina Jastrau